Der Lebzelter
und der Bulkeser Osterbrauch.

Der Beruf des Lebzelters ist ein sehr altes und seltenes Handwerk. Bevor es die holzgerahmten Bienenwaben gab, wurde das Wachs mit dem Honig aus dem Bienenkorb geschnitten und ausgepresst. Vom Honig wurden Lebkuchen (Honigkuchen) gebacken und vom Wachs wurden Kerzen gezogen. Daraus entstand der Beruf des Lebzelter- und Wachsziehermeisters.
Im Jahre 1944, vor der Vertreibung der Donauschwaben, gab es in der Batschka 14 geprüfte Lebzelter- und Wachsziehermeister. In Bulkes wurden seit 1935 von einem ortsansässigen Meister Lebkuchen gebacken. Vor dieser Zeit wurden Lebkuchen nach Bulkes eingeführt und von Hausfrauen von Haus zu Haus gehend verkauft. Lebkuchen vom Bulkeser Lebzelter gab es nur bei ihm zu kaufen. Das Kerzengießen hatte in der rein evangelischen Gemeinde keine Bedeutung.
Der Lebkuchen hatte in Bulkes in enger Verknüpfung mit dem Osterbrauch eine außergewöhnliche Tradition. In der ethno-topographische Beschreibung über Sitten und Gebräuche aus dem Jahre 1860 ist wörtlich überliefert:

Es ist Pflicht eines jeden Taufpaten seinen Täufling auf Ostern mit gefärbten Eiern und Osterkuchen zu beschenken, bis derselbe confirmiert wird, also bis zum 12ten Lebensjahr - welches Geschenk demselben nicht zugeschickt, sondern durch ihn selbst am Ostermorgen abgeholt wird.

Ob mit dem Osterkuchen Lebzelten gemeint sind ist leider nicht bekannt.
Bei diesem Brauch waren nicht nur Taufpaten betroffen, sondern alle von der Hebamme zu der Taufe eingeladenen Verwandten und Nachbarn. War der Täufling männlichen Geschlechtes, wurde er von dem männlichen Taufpaten, dem "Ältesten Patt", war es ein Mädchen von der Taufpatin der "Ältesten Got," zur Taufe über den Taufstein gehalten. Alle anderen geladenen "Patten" (Männer) und "Goten"(Frauen) standen um den Altar, und jeder hielt kurz den Täufling auf seinem Arm. Die Überlieferung im Bulkeser Heimatbuch lässt uns wissen, dass 1925 eine der größten Kindstaufen mit 52 geladenen Gästen stattgefunden hat.
Vom zweiten bis zu seinem zwölften Lebensjahr, dem Jahr seiner Konfirmation, ging das getaufte Kind am Ostersonntag zu seinen "Patten" und seinen "Goten", um den "Osterhasen" (den Osterlebkuchen) zu holen. Neben Geld, "Bumransche" (Orangen), Feigen und gefärbten Eiern gab es für die Mädchen eine Puppe und für die Buben einen Osterhasen oder ein Pferd aus Lebkuchen.
Bumransche wurden von Zigeunerinnen, mit der "Axeltrage" einem langen über die Axel gelegten biegsamen Stab, vorne und hinten einen Korb daran gehängt voller Bumranschen, von Haus zu Haus gehend verkauft.
Weil keine der Goten die kleinsten Lebkuchen schenken wollten, trug manches Kind schwer an seinem Ostergeschenkkorb. Manche Eltern mussten auf der Ostertour ihres Kindes "tragende" Unterstützung leisten. Wer viele "Goten" hatte, musste gelegentlich den schon vollen Korb zu Hause leeren, um für die Osterhasen der noch nicht besuchten Goten Platz zu machen. Eine Got oder einen Patt zu vergessen, kam einer Beleidigung gleich. Der Brauch, des Osterhasen holen, blieb bis zur gewaltsamen Auflösung der Bulkeser Dorfgemeinschaft im Jahre 1945 erhalten.
Durchschnittlich verschenkten Got bzw. Patt ca. 3 kg. Lebkuchen. Dies brachte dem Lebzelter bei 530 Bulkeser Haushalten einen beträchtlichen Umsatz. Damit zu Ostern die erforderlichen Mengen zur Verfügung standen, musste der Lebzelter bereits im Januar mit seiner Arbeit beginnen.
Der Teig, welcher nur aus Honig und Mehl bestand, wurde mit Hilfe eines Knethebels, einer hölzerne Spezialkonstruktion, kraftvoll geknetet und musste danach acht Wochen ruhen. Die vorbereiteten Teige aus Zucker und Mehl und einem weiteren aus Sirup und Mehl, vermengt mit dem Honigteig, ergaben schließlich den Lebkuchenteig. Die aus dem ausgewalzten Teig ausgestochenen Puppen, Hasen und Pferde wurden auf zwei Ebenen eines gemauerten Ofens gebacken. Die kleinsten Lebkuchen kosteten einen, die größten und teuersten zehn Dinar.
In den Kriegsjahren war der Honigkuchen seiner langen Haltbarkeit wegen eine beliebte Beigabe in Feldpostpaketen.
Mit dem Saisongeschäft von Januar bis Ostern und für kurze Zeit vor Weihnachten mit dem Verkauf von Weihnachts-Honiggebäck, konnte der Lebzelter seine Familie nicht ernähren. In der übrigen Jahreszeit ging der "Lebzelterspatt" als Tagelöhner zum Bauern oder als Hilfe zu einem anderen Handwerker, um sein Auskommen für sich und seine Familie zu sichern.
(Heinrich Hoffmann)