Ballweerer



Das tägliche Rasieren, ob elektrisch oder nass, ist heute für Männer selbstverständlich.
In Bulkes war das anders. In Bulkes ließ man sich "ballweere", d.h. rasieren. Man ging nicht wie heute zum Haare schneiden oder vielleicht zum rasieren in den Friseursalon.
Der Ballweerer kam zu seinen Kunden ins Haus.

(Wie einst in Bulkes wird heute noch in Maglić mit Seifenschaum und dem "Ballweermesser" rasiert, im Bild: Siegfried/Siggy Binder in Maglic, Mai 2005)

Selber mit dem eigenen "Ballweermesser", ballweerte man sich nur in Ausnahmefällen. Im Sommer, wenn mein Vater, er war Bauer, in der ganze Woche auf dem Sallasch arbeitete, ballweerte er sich dort selbst. Ein- oder zweimal in der Woche besuchte der Ballweerer seine Kunden. Wochentage und Tageszeit waren fest vereinbart. Nur der Doktor, der Pfarrer und die Lehrer ließen sich täglich ballweern. Zum Bauern kam er schon morgens früh um sechs, oder erst abends spät, wenn dieser von der Feldarbeit nach Hause kam. Einmal im Monat am Ballweerertag hat er seinen Kunden auch die Haare geschnitten.
Seine Werkzeuge waren Seifenschale aus Pozellan mit dem Einseifpinsel darin, die verschiedenen Ballweermesser für die unterschiedlichen Bartstärken seiner Kunden, in einem Leder- oder Leinenfutteral eingewickelt. Dazu kam noch der Wetzstein und der Lederriemen, womit er dem Messer den letzten Schliff gab. Dies alles brachte er in einer breiten Ledertasche mit Messingbügel und Schnappverschluss mit zu seinen Kunden. Gelegentlich hatte er auch einen Lehrbuben dabei.
Das Einseifen besorgte dann der Lehrbub, während er selbst ein dem Bartwuchs des Kunden entsprechendes Messer aussuchte. Bevor er mit dem Ballweeren begann, zog er das Messer auf dem Wetzstein und dann auf dem Riemen ab. Als lebende Dorfzeitung erzählte er seinem Kunden alle Neuigkeiten aus der Welt und dem Dorf. Er war Lokalblatt und Weltspiegel zugleich. Den abballweerten Seifenschaum mit den Barthaaren darin streifte er vom Ballweermesser in eine ebenfalls mitgebrachte Flache Blechdose. Diese hatte einen Klappdeckel ohne Verschluss. Zum Schluss wischte er seinem Kunden den verbliebenen Schaum mit einem Tuch aus dem Gesicht, rieb die Wangen mit dem Alaunstein ein und machte sich schnell auf den Weg zu seinem nächsten Kunden. Um seine in der warmen Jahreszeit vereinbarten Terminen einhalten zu können, ergriff er mit beiden Händen hinter dem Bizickel (Fahrrad) stehend die beiden Handgriffe der Lenkstange, stellte sich mit dem rechten Fuß auf den Dorn der verlängerten Hinterradnabe, stieß sich mit dem linken Fuß ab und schwank sich über das Hinterrad in den Sattel, dessen Federn unter dem plötzlichen Gewicht quietschten. Während der Fahrt schlenkerte er mit dem Arm, die Blechdose mit dem Schaum in der Hand, sodass sich der lose Klappdeckel öffnete und der Schaum mit den Barthaaren in den Straßenstaub oder auch an den Stamm des nächsten Maulbeerbaumes flog. Im Winter, der bei uns schneereich und kalt war, kam er zu Fuß.
Oft und gerne habe ich als Kind dem Ballweerer zugeschaut, wenn er meinem Vater und Großvater mit dem Daumen und Zeigefinger der linken Hand die Nasenspitze ergriff, hochzog und mit dem stets scharfen Ballweermesser den Schaum mit den Barthaaren von der Oberlippe nach unten wegballweerte. Nicht selten hatten Vater und Sohn jeder seinen eigenen Ballweerer.
Von den Bauern wurde der Ballweerer mit Naturalien wie Weizen und Kukrutz (Mais) bezahlt. Bargeld erhielt er von den Kunden, die er täglich ballweerte. Im zweiten Beruf war der Ballweerer in der Regel Musiker. Seinen Lehrbuben bildete er zum Ballweerer und natürlich auch zum Musiker aus. Während der Erntezeit war er auch als Tagelöhner beim Bauern tätig. Auf eine Gesamteinwohnerzahl von 2860 im Jahre 1945 gab es nach der Auflistung im Bulkeser Heimatbuch in Bulkes 17 Ballweerer. Friseursalons gab es nicht. Die Frauen trugen "Gretchenfrisur". Die langen Haare wurden in zwei Zöpfen geflochten und gegenläufig um den Kopf gelegt. Wenige Frauen, die bereits eine moderne Frisur hatten, mussten mit dem Zug nach Neusatz zum Damenfrisör fahren.
(Heinrich Hoffmann)

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