Professor Heuss und die Donauschwaben



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Rezension aus dem Jahr 1962 von J.W.W-r über den Artikel "Schwaben im Osten" von Professor Heuss aus dem Jahr 1911.

Vor einem halben Jahrhundert, genau am 1. März 1911, erschien in "Das literarische Echo - Halbmonatsschrift für Literaturfreunde" ein sehr beachtenswerter Artikel",,Schwaben im Osten"*, der aus der Feder des damals siebenundzwanzigjährigen Redakteurs der liberalen Wochenschrift "Die Hilfe", Theodor Heuss (Berlin), stammt.

Aber nicht darum, weil dieser Theodor Heuss bislang der höchste Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland war, wird besagte Studie aus der literaturgeschichtlichen Rumpelkammer gezogen, es geschieht dies vielmehr darum, weil der Artikel ein sehr interessantes Dokument aus jener Zeit darstellt, wo der literarische und somit auch politische Differenzierungsprozeß bei den Schwaben im Osten erst ansetzte. Die objektive Behandlung des donauschwäbischen Problems erfährt hier durch Theodor Heuss jene Präzision, die nur berufenen Kunstkritikern und Geschichtsforschern eigen ist. Der Verfasser berichtet über die donauschwäbische Volksgruppe, die damals noch eine ziemlich kompakte ethnische Einheit bildete, in einer Zeit, wo die erste Auflage der "Glocken der Heimat", die ja bekanntlich im L. Staackmann-Verlag in Leipzig erschien, noch nach Druckerschwärze roch und der "Große Schwabenzug" noch gänzlich unbekannt war.

In diesem Artikel erfahren wir jedoch vom jungen Heuss, daß er "Die Glocken der Heimat" mit viel Liebe gelesen und studiert hat. Seine Kritik über den ersten Gesellschaftsroman der Donauschwaben, der schwäbischen Minderheit im Süden der Doppelmonarchie, faßt unser Freund so zusammen: Beide Elemente, der Kampf gegen die Magyarisierung und die liebevolle Darstellung des dörflichen Lebens sind im letzten Werke von Müller-Guttenbrunn zu einer Einheit verschmolzen. "Die Glocken der Heimat" können als seine reifste Arbeit gelten, sie sind aus einem Guß. Hier bringt er auch die Probe einer runden und kräftigen Idealisierung: Die Figur des alten Lehrers, des Seidenraupenzüchters und Kinderfreundes, kommt so schön und lebendig heraus, daß man diesen Mann wie einen Freund nahe empfindet. Es sind keine interessanten Menschen, die wir kennenlernen, aber wir werden mit einer biederen und herzhaften Tüchtigkeit vertraut, zwischen der Not, in die diese Menschen gestürzt werden, waltet ein warmer Humor. Dieser Roman, der reich an Erfindungen ist und ein paar dramatisch glänzend bewältigte Szenen hat, meint Heuss abschließend in dieser frühen Rezension, "verdient ein Volksbuch zu werden."

Im weiteren versucht der Autor durch die Brille des Kunstkritikers unsere Volkwerdung zu deuten. Schon im ersten Absatz seiner Abhandlung stellt er intuitiv fest: "Es kann nur heilsam sein, von Zeit zu Zeit einer Literatur zu begegnen, die sich gegen das ästhetische Abc sträubt und politisch verstanden werden will... Die junge Literatur, die sich aus dem ungarischen Schwaben aufrichtet, hat ein paar Dichter: Hauser, Alscher, auch Müller, bei denen man ohne Not den nationalen Hintergrund wegrücken könnte, um sie in dem luftleeren Raum der üblichen Literaturgeschichtsschreiberei zu bewerten - es kommt hier aber darauf an, den Hintergrund zu sehen und seine Bedeutung für das deutsche Schrifttum zu erkennen."

Das große Verdienst des Verfassers ist es also, daß er eben diesen politischen Hintergrund und seine Bedeutung so überzeugend erkannt hat. Man müsse dabei politisch werden, meint Heuss und entwickelt seinen Gedanken so weiter: "Der Reichsdeutsche erlebt einen Kampf seiner Behörden gegen Polen, Dänen und elsässische Franzosen. Da dieser Kampf ,im Interesse des Deutschtums' geführt wird, pflegt er sich gemeinhin nicht lange dabei aufzuhalten... Aber wie sieht die Sache aus, wenn man über die Reichsgrenzen hinausgeht, zu den Balten, die sich der Russifizierung zu erwehren haben, zu den ungarischen Deutschen, die dem magyarischen Staat als Kitt dienen sollen?". Hier scheint das Schillerwort "O lerne fühlen, welchen Stamms du bist!" den jungen Heuss inspiriert zu haben. Zwischen den Zeilen ahnt der aufmerksame Leser des Artikels die Mahnung an die Hefe des ungarländischen Deutschtums, die Mahnung an seine Intelligenz, den "biederen und herzhaften" Bauernstamm auf geistigem Gebiete nicht zu verlassen, um "als Kitt dem magyarischen Staat zu dienen".

Heuss sah - und das ist charakteristisch für jene Periode vor fünf Jahrzehnten, typisch für den Zeitraum der Volkwerdung einer Nation! - im Literarischen die beste Möglichkeit der Selbstverteidigung eines Volksstammes. Mit Nachdruck betont er, die Literatur der Schwaben im Osten müsse politisch verstanden werden.

In seinen weiteren Ausführungen bringt der Autor statistisches Material und stellt fest, daß in Ungarn über zwei Millionen Deutsche wohnen, davon rund 200 000 Siebenbürger Sachsen, die sich "in der Tat, mit ihren Städten und ihrem Protestantismus, zwischen dem magyarischen Regiment und der rumänischen Unterschicht zu behaupten vermögen". Anders stünden die nationalen Belange der überwiegend katholischen Schwaben, die bis dato der systematischen Magyarisierungspolitik "fast gar keinen Widerstand entgegensetzten; sie waren eine weniger einheitliche Gruppe als die Sachsen". Die schwäbische Gruppe besäße, obwohl zahlenmäßig viel stärker, keine mittleren und höheren deutschen Schulen. Ihre Intelligenz werde schon in der Jugend an magyarischen Schulen herangebildet und vom Magyarentum aufgesogen.

Damit hat der Verfasser unsere nationale Krebswunde berührt, die im weiteren Verlauf unserer donauschwäbischen Geschichte jahrzehntelang im Mittelpunkt des völkischen Kampfes stehen wird: das Ringen um jeden schwäbischen Blutstropfen und - als Voraussetzung für eine nationale Existenz - die Einigkeit und Geschlossenheit der donauschwäbischen Gruppe schlechthin.

Wie perfide und mit welcher Vehemenz dieser Kampf noch ausgetragen werden sollte, konnte der schon damals angesehene Kunstkritiker Heuss im Jahre 1911 noch gar nicht ahnen, er konnte aber bereits mit Befriedigung feststellen: "Es ist aber charakteristisch, daß das neue Gemeinsamkeitsbewußtsein sich einen Weg in die Dichtung zu graben verstand. Das ist ,echt schwäbisch'."

Kaiser kamen und gingen, Weltreiche brachen zusammen, neue Staatsgrenzen wurden gegen unseren Willen durch unser Siedlungsgebiet gezogen u. v. a. Die Einheit, oder das Gemeinsamkeitsbewußtsein, wie dies von Theodor Heuss so schön bezeichnet wird, bestand nur für ganz kurze Zeit. Aber gerade in diese Periode fallen die donauschwäbischen kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Errungenschaften in Jugoslawien, Rumpfungarn und Rumänien.

Unsere ,echt schwäbische' Existenz im Südosten Europas ist noch nicht abgeschlossen. Menschen unseres Stammes stehen noch immer, diesmal unter dem Kommunismus, im Existenzkampfe in Rumänien und Ungarn. Auch das konnte Heuss nicht vorausahnen. Wir danken ihm aber fünfzig Jahre später für seine Arbeit "Schwaben im Osten". Schon damals konnten wir ihm, dem echten Schwaben, nichts vor machen. Er kannte unsere Bestrebungen, vermerkte aber auch unsere schwäbischen Schwächen, die heute noch in einem Organisationswirrwarr auf landsmannschaftlichem Gebiet der binnendeutschen Öffentlichkeit präsentiert werden.
J. F. W-r

Alle Kraft des Menschen wird erworben durch den Kampf mit sich selbst und Überwindung seiner selbst.

Fichte *) "Das literarische Echo - Halbmonatsschrift für Literaturfreunde", 13. Jahrgang, Heft 11 vom 1.3.11,8.767-772.

(Heinrich Stephan)

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