"Der Schwabenbrief" des Georg Hermann
aus der Siedlungszeit 1785


ÜBERSICHT / SITEMAP / PREGLED
AHNENFORSCHUNG
VORWORT
AKTUELLES
AUTOR

Vorbemerkung:
Der Schreiber des Briefes war ein vierzigjähriger Bauer, der mit Weib, zwei Söhnen und zwei Töchtern ans Hofweiler im Rittershöflichen (Rheinprovinz, Regierungsbezirk Trier) zur Ansiedlung in Dunakömlöd/Batschka 1785 eingewandert war.
Der Schreiber nennt Mißstände, die sich während der Ansiedlung zugetragen haben, so offen und detailliert, dass die kaiserliche Zensur der Einwanderungsbehörde den Brief konfiszierte und im Archiv zu den Akten legte.
Es ist aus Protokollen bekannt, dass eine Untersuchung der Mißstände zu einigen Verbesserungen für die Ansiedler führte (s. Anmerkungen am Ende des Briefes).
Der in holperiger Mundart verfasste Brief ist ernüchternd für uns Nachgeborenen, denen aus offiziellen Papieren vornehmlich die Wohltaten der Ansiedlungsbehörde bekannt sind. Er liegt "samt dem bezüglichen Protokoll im Ungarischen Landesarchiv: General-Akten der k. ung. Statthalterei, Impopulationes 1784/85, Föns 76, Postion 6" und lautet wie folgt:

„Gelobt sei Jesus Christus!
Mein geliebter Vetter Joseph Leeger (?), ich grieße Euch alle und sagte euch, es ist nid geschehen, was uns in Wien bim Herren Kümfarn (?) versprochen worden ist, den wir liegen in Földvar und wir wissen nicht, was mir bekummen sollen.
Mein lieber Vetter, mir verzehre unser bißle gelt, wan mir noch lang hier misse liegen. Es bekumet ein Kind unter 10 Jahren den Tag 2 Kreizer, die andre 3 Kreizer und das gleine wie dos große muß alle Nacht ein Kreizer Schlafgelt geben und mir missen auf den laten liegen und mir missen auch noch 2 Meil Weg weid gen, wan mir es wollen, dieses Gelt.
Lieber Vetter, wirt geschehen, wie mir mit Einanter gereth haben? Ich verlasse mich darauf. Mir sein nicht in Fünfkirchen kumen, wie es uns versprochen worten ist.
Den 21. Brachmonat haben mir alle missen auf Kinling (Kömlöd) und ein jeder Tag verbringen, Frucht zu holen, wie mir nauf kumen so haben mir kein Frucht und kein Gelt bekumen. So wertn wir für Narren gehalten. Ich verhoffe aber, wan mir es von Kümfare (?) oder von Ihre Meiesteth schriftlich bekumen kinten und was mir in Gelt oder auch in Gut und in Vieh und in Geschirr bekumen sollen.
Lieber Vetter, was es kann sein, so schicke es uns schriftlich alles, was mir bekumen, was uns verprochen ist worden in Wien, so mache (?), daß mir unsere beß (Pässe) wieder bekumen, so kaufe mir, was mir kinnen bekumen in Weingarten oder ein Wirtschaft in Häusern. Wan mir bekumen, was uns versprochen ist worden in Wien, so wollen mir hier in Geren (— Nemetker) bleibe, das ist alleweg 2 Meil von Földvar.
In Geren und Kinling dort werten lauter neue Heiser gebaut und lauter deitsche leit darein geschickt. Unsere beß seint bei dem Herrn Inspektor un mir bekume sie nicht mehr, sunst war mir schun lang fürt aus Földwar. Wans nid enderst geht, so werden viele leit wieder nach Haus gehn, wie es bisher gangen ist.
Vetter, sie haben auch schun Pfert gekauft, aber ich mecht auch wissen, was der Keiser bezahlt für ein Pfert, dan die Leit müssen darauf legen, sie sagen, der Keiser zahlt nicht mehr als 20 Gulden für ein Pfert.
Lieber Vetter, mein Kinter Elisabetha ist gestorben den 6. Brachmonat und die Justina auch den 17. Brachmonat und in Földwar begraben und für ein jetes Kind den Herren 17 Groschen zu bezahlen.
Mein Vetter, mir mechten auch wissen, wie tan die Heiser solle gebaut solle werten, den sie bauen lauter so Ungrisch Heiser. Mir haben gemeint, sie baue deitsche Heiser, so fragt auch danach und schreibe uns alles, wie es solle sein.
1785. Georg Hermann."

Anmerkungen Johann Regerius SCHILLINGs:
Die Gemeinde Kömlöd/Dunakömlöd in der nord­östlichen Tolnau war vor der Türkenzeit ein Marktort.
Während der Türken-Herrschaft wurde sie aber vollständig verwüstet und ein amtliches Verzeichnis aus dem Jahre 1689 erklärt sie für unbewohnt. Die in den ersten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts erfolgten Zusammenschreibungen erwähnen Kömlöd überhaupt nicht mehr. Als dann im 18. Jahrhundert die verödeten Ortschaften der Tolnau und Baranya, der sogenannten „schwäbischen Türkei", neu besiedelt wurden, kam an Kömlöd erst recht spät die Reihe.
Die von dem Grafen Mercy geleitete Kolonisierung ließ es unberücksichtigt und erst die Besiedlungsbewegung unter Josef II. erstreckte sich auf dieses und das benachbarte Ker.
Kömlöd gehörte als Prädium samt der ehemaligen Benediktinerabtei Földvar und wurde dann samt der Abtei selbst der Universität, beziehungsweise von der ungarischen Statthalterei besorgt.
Die Kolonisierung begann gegen Ende des Frühjahrs 1775 und bis zum. 1. Oktober kamen insgesamt 157 Familien. Für jede Familie sollte ein Haus gebaut werden, der Bau ging aber mangels verschiedener Materialien sehr langsam vonstatten. Bis zur Fertigstellung der Häuser waren die Ansiedler in Földvar und in Paks einquartiert. Auf die recht schwere Zeit dieser vorläufigen Einquartierung wirft der im ungarischen Landesarchiv aufbewahrte Brief eines Ansiedlers an seinen Vetter ein überaus interessantes Licht. Es erhellt daraus, mit welchen Schwierigkeiten unsere braven Kolonistenahnen zu kämpfen hatten, was für Widerwärtigkeiten sie überstehen und was für große Opfer sie bringen mußten, bis ihnen ein wohnliches Heim zuteil wurde. Der Briefschreiber und seine Genossen wurden in Wien für die Baranya mit dem Zentrum Fünfkirchen bestimmt, man hielt sie aber in der Tolnau an und steckte sie in Földvar und Paks in Notquartiere.
Viele sind gekommen, doch so manchem blieb es versagt, sein Ziel zu erreichen, denn er starb, bevor er sich in dem neuen Heim zur Ruhe setzen konnte. Groß, unverhältnismäßig groß ist die Zahl derer, denen dieses tragische Schicksal zuteil wurde. Nach einem Ausweise des Kömlöder Rechnungsführers
(Ung. Landesarchiv: Fünfkirchner Administration Stricte Cameralia 1785/86, Nr. 100 und 177)
sind von 565 Angekommenen im Monat September 1785 nicht weniger als 36 Personen gestorben; binnen acht Monaten — während welcher Zeit 13 Personen die Flucht ergriffen — starben 185 Personen und zwar 34 Männer, 39 Frauen, 44 Knaben, 34 Mädchen und 27 neugeborene Kinder. Ihre Asche wurde in die neue Heimaterde versenkt, die ihren Brüdern und Nachkommen zuerst durch ein, großes Sterben, dann durch Mühe und Arbeit zur rechten Heimat geworden ist.

Der Adressat, nämlich die Person, an die der Brief gerichtet ist, ist unbekannt. Laut dem Protokoll, das über die im Briefe berührten Angelegenheiten aufgenommen worden ist und dem der Brief beiliegt, soll dieser an Verwandte im Reich gerichtet sein. Doch ist schwer zu verstehen, wie Hermann von Verwandten im Reich Aufklärungen über die Ansiedlungsbedingungen und die Intentionen des Kaisers erfahren will. Man möchte eher an einen in Wien zurückgebliebenen Verwandten denken.
Oder meinte Hermann, sein Vetter solle bei einer der vielen Agenturen im Reiche nachfragen, die deutsche Bauern und Handwerker mit den schönsten Versprechungen und allerlei Lockungen für die Ansiedlung in Ungarn zu gewinnen sich bemühten?
Der Brief kam jedenfalls nicht an seinen Bestimmungsort, sondern wurde — so scheint es — abgefangen und der Statthalterei eingeliefert. Die Behörden mußten natürlich danach trachten, daß möglichst wenig ungünstige Nachrichten nach Deutschland kommen, da ja dadurch der mit Eifer betriebenen Werbearbeit Abbruch getan wurde.
Man nahm den Ansiedlern gegenüber den Standpunkt ein: bist du zufrieden, so sage es allen Leuten, wenn du aber unzu­frieden bist, so sage es nur mir.
Die Behörden waren tatsächlich bestrebt, die Kolonisten zufrieden zu stellen und jede Schwierigkeit, so weit nur möglich, aus dem Wege zu räumen und auf diese Weise das ohnehin schwere Schicksal der Ansiedler erträglicher zu gestalten.
Nach den Verheerungen der Türkenherrschaft mußte — besonders in volkswirtschaftlicher Hinsicht — ein ganz neues Ungarn aufgebaut werden und so knüpften sich große Interessen des Landes, namentlich des Großgrundbesitzes an das Gelingen des Siedlungswerkes, das ja für seine hohen, aufbauenden Ziele auf der ganzen weiten Welt kein besseres Element finden konnte, als den fleißigen, ruhigen, nüchternen, in jeder Beziehung verläßlichen und in Landwirtschaft und Gewerbe tüchtigen deutschen Bauern und Handwerker.
Auch im Falle Hermanns verfuhr man in diesem Sinne: ein Beauftragter der Statthalterei wurde angewiesen, dem Schreiber des Beschwerdebriefes in Gegenwart des Földvarer Inspektors Emerich Kraschenich und des Ansiedlungsrechnungsführers Michael Nagy zu vernehmen und die ganze Angelegenheit zu protokollieren.
Aus dem in deutscher Sprache verfaßten Protokoll geht hervor, daß der Ansiedler Hermann sich bei dem Inspektor nie erkundigt hatte, welche Begünstigungen den Reichseinwanderern von allerhöchster Stelle zugesagt worden waren.
Es wurde eben deshalb verfügt, daß jeder Kolonist ein Büchlein bekomme, in das jeden Monat eingetragen wird, was der Kolonist in bezug auf Haus und Feld, an Vieh, Gerätschaften oder täglichem Unterhalt erhalten hat.
Hinsichtlich des Kopfgeldes erklärte der Inspektor, daß den Kolonisten ursprünglich nur 2 Kreuzer für den Tag bewilligt gewesen seien, daß man aber das Kopfgeld auf 3 Kreuzer erhöht habe, da sie einen Kreuzer Schlafgeld für die Nacht zahlen mußten.
Betreffs der Beschwerde wegen der Schlafstelle sagte der Inspektor aus, daß die Einwanderer darum auf nackten Latten liegen mußten, weil es ihm trotz aller Mühe kaum möglich sei, auch nur das zu sogenannten „fecskerakasok"
(so — unter Ausführungszeichen — im Protokoll, das bedeutet: Schwalbenbau und wurden darunter Bauten mit gestampften Mauern und Strohdach für je 14 Familien verstanden, die gleich anfangs in Kömlöd untergebracht worden waren, um an den Bauarbeiten teilzunehmen)
nötige Stroh aufzutreiben.
Bezüglich der Klage, daß die in Földvar einquartierten Kolonisten den Weg nach Kömlöd (18 km) vergebens hätten machen müssen, gestand der Inspektor ein, daß dies einmal tatsächlich vorgekommen sei, jedoch ohne sein Verschulden, denn er habe alles mögliche aufgeboten, um die nötige Frucht herbeizuschaffen. Daß sie dann nicht zur rechten Zeit eingetroffen ist, habe der ungünstige Wind verursacht, der das mit Frucht beladene Schiff auf der Donau in seiner Fahrt so sehr verhindert habe, daß man unterwegs anlegen mußte.
Um einer gleichen Unannehmlichkeit in der Zukunft vorzukommen, ernannte der Inspektor zwei Oberaufseher und zwar Johann Kapes für die in Paks und Josef Schgier für die in Földvar untergebrachten Kolonisten.
Ihre Aufgabe bestand darin, zweiwöchentlich nach Kömlöd zu fahren, und so viel Frucht und Geld mitzunehmen, als für die Kolonisten auf zwei Wochen genügte.
Zu der fünften Klage, daß die Kolonisten beim Ankauf von Pferden und Kühen die vom Aerar zur Verfügung gestellte Summe aus eigenem ergänzen mußten, bemerkte der Inspektor, daß wohlhabende Ansiedler die ganze Umgebung durchstreiften und die ihnen am besten entsprechenden Exemplare von Pferden und Kühen dem Inspektor zum Ankauf vorführten.
(Solche Bauern, die den bewilligten Kaufpreis aus eigenen ergänzten, waren: Mathias Boldauf, Niklas Botrang, Valentin Karst, Adam Ohm, Peter Ruffing, Johann Müller. Claudius Scheidt, Johann Herzog, Johann Schmidt, Hubert Schuch. Adam Bachmann, Niklas Charles u. a.)
In bezug auf die letzte Beschwerde Hermanns, daß nämlich „lauter so Ungrisch Heiser" gebaut wurden, wies der Inspektor auf den Umstand hin, daß alle Häuser nach einem von allerhöchster Stelle vorgeschriebenen Risse insgesamt gleich aufgeführt werden müßten. Diese Klage höre übrigens mehr und mehr auf, da sich die Kolonisten nach und nach in den ungarischen Stil schickten.
So war es! Diese und alle übrigen Klagen verstummten allmählich, denn die Arbeit, die schwere und harte, begann und nahm alle leiblichen und seelischen Kräfte unserer Kolonistenahnen in Anspruch.


Dieser Internetpräsentation liegt ein Beitrag von Johann Regerius Schilling in "Donauschwäbischer Heimat - Kalender 1954" zugrunde.

Heinrich Stephan


Zur AHNENFORSCHUNG